Herbstmorgen

Posted by on Nov 3, 2011 in In Worten | 2 Comments

An diesem Montagmorgen fährt sie wie immer hinab in den dunkelblauen Bahnhof. Sie tippt nervös ein paar Zeilen in ihr Telefon, ihre Hände zittern und zarte Kondenswasserspuren zeichnen sich um ihre Finger auf dem Glasdisplay ab. Sie sitzt dort wie jeden Morgen der Woche und hört Kopf und Herz laut streiten – sie selbst findet sich eher unbeteiligt, fast fremd. Sie schaut objektiv auf die Geschichte, findet sie, alles, was übrig bleibt, ist dieses Gefühl im Bauch, eine Traurigkeit, so tief, wie sie ihr in ihrem Leben zuvor kaum unter gekommen ist. Sie hat vielleicht ein bisschen Angst um all das, was sie sich im letzten Jahr aufgebaut hat, jenen Gedanken trägt sie seit einiger Zeit mit sich herum, aber er scheint nur irgendwo weit weg um andere Ängste ihres persönlichen Gedankenuniversums herum zu schwirren, fernab von all dem, was hier gerade geschieht.

Es ist ja nichts passiert, denkt sie sich. Ha. Haha., denkt sie sich. Physikalisch waren sie treue Hunde gewesen, sie für ihn mit, sie hat noch nicht mal begriffen warum, denn sie hat ja, so dachte sie zumindest in den letzten Wochen, nichts zu verlieren. Aber als der Tag kam, an dem er nicht mehr sicher war, ob er überhaupt noch das Richtige tut, ob er jemals das Richtige getan hatte, wurde ihr plötzlich bewusst, dass es inzwischen um einiges mehr ging, als um die kleine Liebe, die zwischen ihnen in den letzten Monaten entstanden ist.
Dass sie küssen und lieben, ist nicht nötig, stellt sie fest. Es reicht aus, dass sie sich ansehen und allein damit schon die unsichtbaren Grenzen verletzen.

Mit diesem Gedanken sieht sie von ihrem Telefon auf und lässt ihren Blick entlang der Fahrgäste an das vordere Ende der Bahn wandern. “Margarethenhöhe.”, sagt die Frau aus den Lautsprechern. Na ja, klar.

Sie hat ihre Haltestelle verpasst.

theGRUNGEone

2 Comments

  1. Owi
    4. November 2011

    “Sie hat ihre Haltestelle verpasst” Möglicherweise schreibst du über dich selbst? ;) Sehr schön zu lesen.

    “Dass sie küssen und lieben, ist nicht nötig, stellt sie fest. Es reicht aus, dass sie sich ansehen und allein damit schon die unsichtbaren Grenzen verletzen.” Worte wie das Leben sie schreibt. Like.

  2. theGRUNGEone
    4. November 2011

    Wer weiß das schon … ;)

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