Frank Goosen und das Wohlfühllachen

Posted by on Jun 22, 2011 in In Worten | 2 Comments

Manchmal höre ich heimlich Frank Goosen. Ich habe immer ein, zwei Alben dabei und wenn ich wieder Sehnsucht nach der Vergangenheit bekomme, stöpsle ich mir meine Kopfhörer ein, laufe los und lausche seinen Geschichten.
Immer, wenn Frank erzählt, erinnere ich mich an herzhaftes, inniges Lachen. Es steigt in mir auf wie ein altes Gefühl, das mich plötzlich überkommt, wenn ich einen speziellen, längst verdrängten Duft rieche, wie zum Beispiel den von neuem Leder in Autos, Weichspüler oder Kneipendunst. Und für Frank gibt es nur dieses Lachen. Es war das Wohlfühllachen in jener Zeit.
Wenn Frank vom Ruhrpott erzählt, verbinde ich damit seltsamer Weise vor allem die ersten Tage, die ich hier verbracht habe, jene, an denen noch nicht feststand, dass ich überhaupt Leipzig verlassen würde. Wir sind in der Essener Innenstadt, sofern man das so nennen kann, bei Regen die Einkaufsstraße auf und ab gelaufen und haben jedes H&M nach einem passenden Kleidungsstück für das bevorstehende Vorstellungsgespräch abgesucht. Natürlich musste das wieder auf den letzten Drücker erledigt werden und ich hatte doch trotzdem noch so viel zu tun. Also haben wir uns in aller Eile für einen grauen Pullover über einer weißen Bluse entschieden. Dazu dann Jeans und meine ausgelatschten, braunen Superstiefel, die mir wirklich, wirklich ans Herz gewachsen waren. Deren Zustand allerdings machte auch nichts mehr, denn irgendein Frisör hatte Tage zuvor mein Haupthaar bereits in ein gelblondes Strähnendesaster verwandelt. Auf ein paar gammelige Stiefel kam es also nicht mehr an, so mein Gedanke, der mir dann vermutlich den Weg zu der schnellen Entscheidung über den Pullover ebnete.
Den Pullover habe ich genau einmal getragen – zu jenem Bewerbungsgespräch. Schnellschuss hin oder her, es kam auf die Zeit an, die ich beim Kauf dieses Pullovers gewonnen hatte für die wichtigeren Dinge: Das Leben und der Spaß daran.
Höre ich Frank beim Erzählen der Anekdote über den Kadett seines Großvaters zu, denke ich an Bochum. Natürlich – Opel impliziert Bochum. Aber so, wie Frank sich dieser Geschichte hingibt, fühle ich mich automatisch heimisch, obwohl ich gar kein Ruhrpott-Kind bin. Ich denke an Bochum bei Nacht, an das Bermudadreieck, an Cocktails to go, DVD-Abende und Großcouchgespräche. Ich spüre die Frühlingssonne wieder auf Unterarmen und Gesicht, die mich gestreichelt hat, wenn wir im Opel durch die Stadt gefahren sind und laut “Kings of Leon” gehört haben. Ich erinnere mich daran, dass ich sagte, dass die Jungs auf meiner Sommerhitlist vielleicht ganz oben stehen könnten und daran, dass Du das verneintest, langweilig wären sie, da klänge jeder Track irgendwie ähnlich.
Im Sommer des selben Jahres haben wir zu viert in der Mitte der Lanxess Arena zu Köln gestanden und zu Manhattan getanzt.
Ja, Frank Goosen kann das. Manchmal flüchte ich mich in ihn hinein, weil er nicht schlecht reden kann.

Manchmal sitze ich auf den Fahrradständern vor der Christuskirche, rauche und schaue erwartungsvoll über den Kirchplatz Richtung Haltestelle Röntgenstraße. Unzählige Male habe ich Dich in Gedanken aus der Straßenschlucht hervortreten und über den Platz trotten sehen. Still.

Manchmal laufe ich vertrant durch den Flur, entlang an den von uns dunkelrot angestrichenen Wänden, hinüber zu Deiner Tür, will klopfen, Dir etwas erzählen und verharre dann in jenem Moment, in dem ich merke, dass Du dort gar nicht mehr wohnst.

Und manchmal nehme ich mir ein Glas Wein, fletze mich in Deinen alten Sessel vor den Rechner, tröte dem blauen Elefanten zu, drehe ganz laut Frank Goosens “A40″ auf und lache so innig und herzhaft ich eben kann.

theGRUNGEone

2 Comments

  1. JayNightwind
    9. November 2011

    Sehr schöne kurze Geschichte. Ich, als Ruhrpottkind, ja sogar Kind der Stadt, verstehe einiges davon auch sehr gut.
    Essen ist ein seltsamer Ort, Bochum ist einfach Rockcity. Da schmecken die E-Gitarren einfach besser, wir sind da mehr so auf der Suche nach einer Identität, zwischen Delta und Musikpalette.
    Gefällt mir.

  2. theGRUNGEone
    9. November 2011

    Danke. :)

Leave a Reply