Darüber

Posted by on Okt 17, 2010 in In Worten | No Comments

Neulich saß ich gemütlich im Schneidersitz auf einer Wolke über dem weiten Meer, in der einen Hand ein Glas Wein, in der anderen das Herz, ganz klassisch mit dem Gesicht gen Sonne und wildem Wind im zerzausten Haar. Fremd war die Einsamkeit, die mich erfüllte und doch gut, heilend und irgendwie, naja, was soll ich sagen, da oben habe ich mich wieder gefunden. Das klingt jetzt ein wenig unrealistisch, aber ich schwöre, die kräftigen Möwen vom Norddeich flogen ab und an zu mir herauf und brachten mir Trauben, Nektarinen und Äpfel, eine schaffte es sogar, mir einen Milchkaffee im großen Pott mit Milchschaum und Cookie zu servieren – auf dem kleinen Köpfchen balancierend, versteht sich. Irgendwer hatte von irgendwo Musik eingeschaltet und über dem ruhigen Spiegel des gigantischen Wassers tanzten in zarter Würde hübsch geschwungene Vorzeichen und Schlüssel und natürlich die langen Noten, die mit Punkt, in der Gelassenheit der scheinbaren Ewigkeit.
Ich bin dort hingegangen, als ich neulich keinen Ausweg mehr wusste. Man muss sich ja immer mal ein wenig entspannen und zur Ruhe kommen, um zu wissen, wer man ist und sein wird, und so. Diese Wolke habe ich gewählt, weil sie sehr klein und unscheinbar wirkte, dafür weiß und rein, augenscheinlich unbedarft. Und – hell yeah – sie war weitaus mehr als das. Wenn ich nach hinten schaue oder nach links, von mir aus auch nach vorn oder rechts, ich kann sofort das Meer sehen. Wenn ich nach oben blicke, erspähe ich kleine, weit entfernte Sterne am hellichten Tag, die sind immer dort oben und schön sind die, das könnt ihr mal glauben. “Ich steige aus”, habe ich mir gedacht. “Ich bleibe für immer hier sitzen und trinke Wein und esse Nektarinen und lausche der Musik, die mir so unverhohlen das Gemüt erweicht.”, habe ich mir geschworen. Nun ja. Wölkchen ziehen weiter und lösen sich im Regen auf, so meine Gedanken. Aber diese Wolke…

Ich zähle die Tage nicht mehr, seit ich mein Herz darauf abgelegt habe. Ich kann Zeit nicht mehr ausmachen. In der Angst, dieses Herz ein weiteres Mal fallen zu lassen, habe ich es beim Abstieg dort oben liegen gelassen. Und es klingt wie eines der kleinen Dramen, die sich im Leben so dauerhaft abspielen, ist aber, subjektiv und einseitig betrachtet, eine Rettung dessen, was ich einmal empfinden konnte und lange verloren hatte.
Ich zähle die Tage nicht mehr und fühle mich gut dabei. Eigentlich sind mir auch Nebenfolgen egal, fast zumindest, ein innerer Konflikt spielt immer mit, aber wenn man nur einmal lebt und wenig zu verlieren hat, dann beeinflussen zwar vielseitige Gedanken, aber leben lässt einen nur, was das Herz spricht. Und das spricht Klartext, leider oder, manchmal ist das ja auch ganz gut so, dem Himmel sei Dank. Dem Himmel…

Als ich neulich auf dieser Wolke saß, wollte ich nie wieder gehen. Und dann ging ich trotzdem, aus der Angst heraus, sie würde sich auflösen. Und dann stieg ich doch wieder hinauf. Und dann ging ich wieder. Und wieder stieg ich hinauf. Und jedes Mal, als ich hinauf gestiegen bin, konnte ich ein wenig weiter in die Ferne über das klare Meer sehen. Andere Wolken wichen und die kräftigen Möwen vom Norddeich brachten mir statt Obst eine Decke für das Herz. Und die zarten Melodien wurden nicht lauter, dafür aber intensiver. Deswegen habe ich mich das letzte Mal entschieden zu bleiben. Die Gewitter da vorne werden mir schon sagen, wann es Zeit ist, zu gehen, wenngleich ich das nicht will. Ich habe mir ja vorgenommen zu bleiben. Ich trinke hier oben ganz gerne meinen Wein und lege das Herz zur Ruhe. Wobei “ganz gerne” relativ untertrieben ist.

In dieser Nacht lege ich mich nun unter sternenklarem Himmel nieder und weiß, was immer die Zeit bringt, die ich so maßlos vergessen habe, sie wird das Richtige tun. Diese Wolke verpackt mein Herz so sanft, dass es meint, längst ein Teil von ihr geworden zu sein.

Sleep well…

theGRUNGEone

(all of these unsorted thoughts might fly to)

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