Mit Spültabs, bitte.

Posted by on Okt 24, 2007 in In Worten | 4 Comments

Voraussetzung für eine Neuerung ist ein Ende.

Keine besonders neue Feststellung, aber trotzdem immer wieder eine Erkenntnis wert.

Nur der Versuch des Aufatmens ist nicht die Lösung. Ein Mensch kann ganze Welten hinter sich lassen. Nach einer Trinktour zum Beispiel sagen, dass nie wieder Alkohol angerührt wird. Nach einer Trennung in eine andere Stadt ziehen. Nach einem Tod die Wohnung pink streichen.
Das kann auf kurze Zeit beruhigend sein, vielleicht hilft es dem einen oder anderen auch. Auf lange Sicht allerdings zerstört es noch einmal die zurückliegenden Welten. Und die, die in der Zukunft liegen.
Es ist nicht so, dass Veränderung nicht gut wäre. Auch eine radikale Ãœbergabe der aktuellen Geschehnisse an die Vergangenheit ist nicht verkehrt. Allerdings: Kippe ich Kaffee in die Spüle, bleiben Rückstände an Tasse UND Spüle. Unsanfter Vergleich, aber ich muss die Tasse abwaschen und die Spüle sauber wischen, bevor beides wieder benutzt werden kann.

Selten habe ich gesehen, dass Gefühlsverarbeitung als ein reeller Bestandteil eines Heilungsprozesses angenommen wird. Schmerzen jeglicher Art bedürfen einer Gesundpflege. Fieber kann ein Mensch auch nicht einfach ignorieren. Brennt einer, kann der auch nicht aufstehen und sagen:
“So, ich zieh um, ist alles scheiße hier. Ich hab’ gebrannt. Tut ein wenig weh und blutet ein bisschen, aber in Ober-Eppendorff ist das dann bestimmt weg.”

Die Menschen scheuen sich, all das sanft zu behandeln, was sie für eine Schwäche halten. Sie übergehen es. Die Menschen denken zuviel. Sie glauben, all das wegzuschieben, was sie an Schmerz erinnert, sei der ergiebigste Weg. Im Gegenteil: Schieben sie es weg, überrollt es sie früher oder später in doppelter Ausführung. Ãœberrollt es sie nicht, verfolgt es sie ein Leben lang und kratzt ab und an dann an ihnen, wenn ein anderes Ereignis sie an ihren schwächsten Punkt erinnert.

Es hält nicht gesund, zu verdrängen.

Erst, wenn akzeptiert wird, was da passiert ist und warum, erst wenn verstanden wird, dass es passiert ist und dass es nun ein Teil von ihnen ist, dann fängt der Heilungsprozess an. Dann kann auch das Urteil gefällt werden, ob es schlecht war oder gut, ob es einen Sinn hat oder nicht. Wichtig ist, den Heilungsprozess zuzulassen.

Am wichtigsten: Sich selbst zulassen, mit all dem, was dieses Selbst zerstört. Dann zerstört es nicht mehr. Und die Tasse kann getrost in den Schrank zurück, bereit für den nächsten Kaffee.

theGRUNGEone

4 Comments

  1. ben dennisson
    25. Oktober 2007

    aus tiefster seele gesprochen.

  2. theGRUNGEone
    26. Oktober 2007

    :)

  3. Martha
    27. Oktober 2007

    Liebe Ellen,

    ich hab grad dein Gedankenausbruch gelesen und hab mich ernsthaft gefragt, ob ich dir vielleicht als “Vorbild” gedient habe. Selbst wenn nicht, sprichst du mir aus tiefstem Herzen und der Seele und du hast so verdammt recht!!! Nur ist es eben in dieser Gesellschaft verdammt schwer, diesen Heilungsprozess sich selbst einzugestehen und zuzulassen, hier wo keine Zeit für Elend, Leid und Trauer ist, sondern nur darum geht der Erste und der Beste zu sein. Da ist kein Platz für Schwäche.
    Trotzdem ich werde mir gerade den Text sehr zu Herzen nehmen.
    Danke

  4. theGRUNGEone
    28. Oktober 2007

    Auch andere haben sich schon angesprochen gefühlt. Ist fein, dass sich genau alle die nach und nach melden, bei denen ich dieses Verhalten beobachtet habe.

    Und, liebe Martha, vergiss dabei nicht, dass ich den Text geschrieben habe.

    Wir lassen uns immer alle viel zu viel von Vorbildern leiten.

    Ach und übrigens: Du warst eine der vier Hauptvorlagen, richtig erkannt.

    :)

    :*

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